Was sind Derivate?

Als Derivate bezeichnet man Finanzinstrumente, deren Wert vom Kurs eines anderen Finanzinstruments abhängt.

Nehmen wir als Beispiel Derivate auf bestimmte Aktien. Nur wenn der Kurs der zugrundeliegenden Aktien steigt oder fällt, ändert sich der Kurs des Derivats.

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Das Schöne dabei ist: Man kann mit Derivaten sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse in der jeweiligen Aktie wetten. Und man kann das Ganze auch hebeln. Das heißt, man bewegt mit einer geringen Einzahlungssumme oft beträchtliche Geldmengen. (Dieser Umstand hat natürlich sowohl Vor- als auch Nachteile.)

Doch alles mal der Reihe nach …

Die Entstehung von Derivaten


Viele halten Derivate (man sagt auch derivative Finanzinstrumente) für spekulatives Teufelszeug. Und deshalb würde auch niemand den Ursprung davon vermuten. Dieser liegt nämlich in der Landwirtschaft!

Denn überleg mal: Gerade Landwirte sind Jahr für Jahr zahlreichen Risiken ausgesetzt. Es kann das Wetter nicht passen, oder es kommt zu kleineren oder größeren Naturkatastrophen, die mit einem Schlag die ganze Ernte ausfallen lassen.

Und auch das Gegenteil ist ein großes Problem: Es kann auch Jahre geben, wo ein extremes Überangebot vorhanden ist und somit jeder seine Ware anbringen möchte. Das Resultat sind dann sinkende Getreidepreise.

Um sich gegen diese Risiken abzusichern, hat man schon früh so genannte Termingeschäfte erfunden. Dabei handelt es sich im Grunde bereits um Derivate. Nur wurden diese nicht an der Börse gehandelt, sondern man machte sich mit einem Handelspartner etwas aus. Termingeschäfte bilden sozusagen die Wurzel der heutigen Derivate.

Durch solche Termingeschäfte war es den Landwirten erstmals möglich, bestimmte Preise bereits heute für die Zukunft festzusetzen. Man wusste somit bereits Monate im Vorfeld, dass man beispielsweise Weizen um einen bestimmten Preis verkaufen kann. Natürlich musste man dann auch zu diesem Preis liefern, somit konnte man auch nicht mehr von höheren Preisen profitieren. Jedoch war man abgesichert – quasi versichert gegen stark sinkende Preise.

Übrigens gibt es auch heute noch Termingeschäfte, die NICHT an der Börse abgeschlossen werden. Man sagt dazu auch OTC-Handel, wobei OTC eine Abkürzung ist für Over-the-Counter – also „über den Tresen“.

Die Besonderheit solcher OTC-Geschäfte ist, dass sich zwei Handelspartner telefonisch oder via Computernetzwerk über ein Geschäft einig werden. Somit ist man auch nicht wie an der Börse an bestimmte fix festgelegte Ausstattungsmerkmale gebunden. Vielmehr kann man dies alles frei vereinbaren. Man kann somit den Betrag, die Laufzeit, das zugrunde liegende Finanzobjekt (in der Fachsprache Underlying genannt) und auch alle Nebenbedingungen individuell ausmachen.

Man muss aber dazusagen, dass solche OTC-Geschäfte keine Bedeutung haben für Privatpersonen. In der Regel werden solche Geschäfte nur zwischen institutionellen Marktteilnehmern abgeschlossen – also zwischen Banken, Fondsgesellschaften, Versicherungen und größeren Industrieunternehmen.

Neben dem Vorteil, dass man alles individuell vereinbaren kann, haben OTC Geschäfte auch einen großen Nachteil: Man muss sich darauf verlassen können, dass am Laufzeitende die Gegenpartei auch wirklich zahlen kann. Man spricht in diesem Zusammenhang von Kontrahenten- oder Counterpart-Risiko.

Und dieses Kontrahentenrisiko ist auch der Grund, wieso man  bereits Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach damit begonnen hat, die Terminkontrakte zu standardisieren und in den Börsenhandel aufzunehmen. Den Start machten dabei vor allem Warenterminbörsen, an denen Rohstoffe und Getreide gehandelt wurden (und noch immer werden). Ein berühmtes Beispiel ist die Chicago Mercantile Exchange, die auch heute noch eine große Bedeutung besitzt.

Kassa- vs. Termingeschäfte


Normalerweise müssen Verträge umgehend erfüllt werden. Der Käufer bezahlt und der Verkäufer hat die Ware zu liefern.

Wenn dem so ist, dann spricht man von Kassageschäften. Kauft man zum Beispiel Aktien an der Börse, dann handelt es sich eben um ein solches Kassageschäft. Das selbe gilt auch für andere Finanzinstrumente wie Anleihen und physische Rohstoffe. Und auch der Kauf von Investmentfonds und ETFs fällt unter Kassageschäfte.

Börsen, an denen Kassageschäfte durchgeführt werden, nennt man deshalb Kassabörsen. (Wenn man ganz allgemein von Börsen spricht, dann meint man in der Regel auch genau diese Kassabörsen.)

Vereinbart aber beispielsweise ein Kunde bei einer Bank schon heute, in einem Jahr 100 Microsoftaktien zu kaufen, und zwar zu einem bereits heute fixierten Kaufkurs, dann spricht man hingegen von einem Termingeschäft. Man weiß schon jetzt, dass man in einem Jahr die Aktien zum Kurs von zum Beispiel 100 Euro kaufen wird.

Stehen sie in einem Jahr bei 90 Euro, dann hätte man sie billiger direkt über die (Kassa-)Börse kaufen können. Stehen sie dann allerdings bei 110 Euro, dann macht man einen Gewinn. Denn man kann sie zu diesem Kurs sofort wieder an der Börse verkaufen.

Börsen, an denen Termingeschäfte in Form von Futures und Optionen abgewickelt werden, nennt man Terminbörsen. Ein prominentes Beispiel in Deutschland ist die Eurex, eine der größten Terminbörsen der Welt.

Arten von Termingeschäften


Wir haben ja schon festgestellt, dass man Termingeschäfte direkt zwischen zwei Handelspartnern – also Over the Counter – abschließen kann. Oder man wählt den Weg über die Terminbörse und kauft bzw. verkauft Derivate, also standardisierte Termingeschäfte.

Daneben gibt es noch eine weitere Unterscheidung (welche sowohl OTC- als auch Börsentermingeschäfte betrifft):

Unbedingtes Termingeschäft: Beide Vertragsparteien verpflichten sich fix, das heißt der Käufer muss zu einem bestimmten Zeitpunkt auf jeden Fall zahlen, der Verkäufer muss das Underlying auf jeden Fall für einen bestimmten Betrag hergeben. Man nennt solche Geschäfte auch Forwards (im OTC-Handel) bzw. Futures (im Börsehandel).

Was der eine bei diesem Geschäft gewinnt, ist der Verlust des anderen. Deshalb spricht man in diesem Zusammenhang auch von symmetrischen Finanzinstrumenten.

Bedingtes Termingeschäft: Es gibt aber auch Termingeschäfte bzw. Derivate, bei denen der Käufer ein Wahlrecht hat. Er kann das Geschäft zu den festgelegten Bedingungen wahrnehmen oder auch nicht. Man nennt solche Geschäfte auch Optionen.

Der Verkäufer allerdings hat keine Wahl – er muss liefern. Dafür erhält er ja auch zu Beginn eine Prämie, für die das eingegangene Risiko entlohnt wird.

Da die Gewinn- und Verlustmöglichkeiten ungleich verteilt sind, spricht man in diesem Zusammenhang von asymmetrischen Finanzinstrumenten.

Der Einsatz von Derivaten


Einen Einsatzzweck haben wir eingangs bereits geklärt: Derivate werden ganz allgemein dafür genutzt, um Risiken abzusichern. In der Fachsprache sagt man dazu Hedging. Der Käufer eines Termingeschäfts sichert sich gegen künftige Preissteigerungen und der Verkäufer gegen Preisrückgänge ab.

Doch daneben gibt es noch weitere Gründe für den Einsatz von Derivaten:

Für viele ist das Ziel auch einfach nur, Spekulationsgewinne zu erzielen. Dabei wird der so genannte Hebeleffekt von Derivaten genutzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man zum Beispiel mit einem eingesetzten Betrag von sagen wir mal 1.000 Euro in Wahrheit gleich 25.000 Euro bewegt. In diesem Fall hat man einen Hebel von 25.

Wenn das Underlying – zum Beispiel eine bestimmte Aktie – um ein Prozent steigt, dann verändert sich der Wert des Derivats um das 25ig-Fache. Spekuliert man also auf steigende Kurse, dann kann man sich über ein Plus in Höhe von 25 Prozent freuen. (Bei Außerachtlassung von Transaktionskosten etc.)

Umgekehrt geht man damit auch sehr hohe Risiken ein. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Sinkt der Wert des Underlyings um vier Prozent, sind die 1.000 Euro komplett verloren. (Denn 25 mal 4 sind 100)

Natürlich kann man mit Hilfe von Derivaten auch bestimmte Marktmeinungen umsetzen, in die man ansonsten nicht investieren könnte. Zum Beispiel kann man nur via Derivate auf bestimmte Rohstoffe spekulieren. Und es gibt auch spezielle Immobilienindizes, in die man nur durch den Einsatz von Derivaten investieren kann. Das kann dann auch so gestaltet werden, dass man nicht mehr Risiko fährt als bei einer Direktinvestition. Bei einem Hebel von 25 beispielsweise investiert man eben nur vier Prozent des Anlagebetrages. Den Rest steckt man in Geldmarktinstrumente.

Schlussendlich werden Derivate auch für Arbitragezwecke genutzt. Wenn irgend ein Händler draufkommt, dass man ein bestimmtes Underlying in London billiger bekommt als in New York, dann wird er diesen Umstand mit Hilfe von Derivaten ausnützen.

Futures vs. Optionen


Auch wenn ich auf Futures und auf Optionen noch in extra Beiträgen eingehen werde, möchte ich dennoch kurz die Funktionsweise von beiden erklären …

Futures sind wie oben bereits erwähnt, börsengehandelte unbedingte Termingeschäfte. Des einen Verlust ist also des anderen Gewinn in gleicher Höhe. Deshalb sind mit Futures theoretisch sowohl unendlich große Gewinne als auch unendlich große Verluste möglich.

Genauer definiert sind Futures derivative Finanzinstrumente, die den Inhaber berechtigen UND verpflichten, ein Underlying zu einem vorab festgelegten Preis am Ende der Laufzeit zu kaufen bzw. zu verkaufen.

Berechtigen Futures zum Kauf eines Underlyings spricht man von Long Futures. Berechtigen sie hingegen zum Verkauf, dann sagt man Short Futures dazu.

Der Unterschied zu Optionen besteht darin, dass beim Future sowohl Käufer als auch Verkäufer eine Verpflichtung eingehen, bei einer Option trifft dies aber nur auf den Verkäufer (auch Stillhalter oder Schreiber genannt) zu.

Allerdings treten sich bei einem Future nicht wie bei einem OTC-Geschäft die Vertragsparteien direkt gegenüber. Vielmehr macht man das Geschäft mit einer so genannten Clearing-Stelle, eine Institution, die Käufer und Verkäufer zusammenbringt.

Einzuzahlen ist jeweils eine Sicherheitsleistung, die so genannte Margin. Diese bemisst sich an der Volatilität des Underlyings. Kauft oder verkauft man Futures also auf Aktien, dann ist eine größere Margin einzuzahlen als bei Anleihen. Ist das Marginkonto nicht mehr ausreichend gedeckt und schießt man in Folge kein neues Geld nach, dann wird das Geschäft automatisch beendet. Insofern kann man also mit Futures – anders als mit OTC gehandelten Forwards – dann doch nicht mehr verlieren als das eingesetzte Kapital.

Optionen hingegen sind Finanzinstrumente, die dem Käufer ein Recht gewähren – ihn aber zu nichts verpflichten. Das Recht besteht darin, ein Underlying innerhalb einer bestimmten Frist oder zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft zu einem fixierten Preis kaufen bzw. verkaufen zu können.

Besteht das Recht darin, ein Underlying in Zukunft zu einem bestimmten Preis kaufen zu können, dann spricht man in der Fachsprache von einer Call-Option. Besteht das Recht hingegen darin, ein Underlying zu einem bestimmten Preis in der Zukunft verkaufen zu dürfen, dann ist es eine Put-Option.

Natürlich kostet dieses Recht etwas, es ist eine Optionsprämie zu zahlen an denjenigen, der die Option verkauft. Für diese Person oder Institution (man nennt ihn auch Stillhalter oder Schreiber) sind die Verluste vor allem bei Call-Optionen wirklich unbegrenzt. Die Prämie muss also so berechnet werden, dass sie für das eingegangene Risiko in angemessener Weise entschädigt. Dazu gibt es spezielle Bewertungsformeln, die unterschiedlichste Preiseinflussgrößen berücksichtigen. Die wichtigste Einflussgröße dabei ist die für die Zukunft erwartete Volatilität (also der durchschnittlichen Schwankungsbreite der Kurse um den Mittelwert der Rendite).

 

Synonyme: Termingeschäfte, derivative Finanzinstrumente

 

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