Risikofähigkeit: Wie beeinflusst es meine Geldanlage?

Im vorigen Teil der Serie zu richtiger Geldanlage haben wir festgestellt, dass wir zuerst unsere Ziele und Motive kennen sollten, bevor wir erste Entscheidungen zur Geldanlage treffen. (Hier geht es zum Beitrag: Persönliche Ziele – was sie für Deine Geldanlage bedeuten)

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Ebenso wichtig ist aber in einem zweiten Schritt, sich über das eigene Risikoprofil im Klaren zu sein. Dazu zählen zwei Dinge:

Einerseits sollte man sich die eigene finanzielle Risikofähigkeit anschauen. Zum anderen spielt auch deine Risikowahrnehmung eine bedeutende Rolle. Verträgst du überhaupt größere Schwankungen oder ist viel eher die Wahrscheinlichkeit groß, dass du in einem solchen Fall die Nerven wegwirfst und dann Verluste realisierst?

Von diesen zwei Dingen hängt die optimale Asset Allokation (also die Aufteilung des Anlagebetrags auf verschiedene Vermögenswerte) genauso stark ab wie von deinen Zielen, Motiven und dem Anlagehorizont.

1. Meine finanzielle Risikofähigkeit


Nehmen wir mal an, die Ausgangsvoraussetzungen sind zum Großteil gleich: Zwei Personen haben genau das gleiche Ziel, einen bestimmten Anlagebetrag langfristig ertragreicher als auf dem Sparbuch anlegen zu wollen.

Sie sind auch beide im selben Alter, haben in etwa den gleichen Anlagehorizont – sind also beide der Meinung, dass sie das Geld in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich nicht brauchen werden.

Und auch ihre persönliche Risikofähigkeit (siehe weiter unten) ist in etwa dieselbe. Beide sind bereit, ein gewisses Risiko zu tragen und es kommen daher auch Aktien in Frage für die Geldanlage.

Dennoch schaut am Ende die jeweils optimale Portfoliozusammensetzung sehr unterschiedlich aus. Der Grund dafür ist schnell erklärt:

Person A hat einen gut bezahlten Job in einem Unternehmen. Allerdings ist nicht sicher, ob das Unternehmen in zwei oder drei Jahren noch auf dem Markt sein wird, weil es Verluste schreibt.

Außerdem ist ein Kind unterwegs und man plant zwar im Moment nicht ein Haus zu bauen und Person A ist auch recht zufrieden mit der jetzigen Wohnung. Doch der Partner / die Partnerin liebäugelt irgendwann in der Zukunft mit einem eigenen Haus. Selbst möchte man das zwar nicht unbedingt, doch wer weiß das schon?

So ganz klar scheint also doch nicht zu sein, ob man das Geld nicht schon bald brauchen wird …

Person B hingegen arbeitet in einem ebenso gut bezahlten Job – allerdings im öffentlichen Sektor und genießt dadurch de fakto Kündigungsschutz. Zudem steht mittelfristig auch eine Beförderung mit einer satten Gehaltsaufbesserung im Raum.

Kinderwunsch ist keiner da und ein Haus besitzt Person B bereits. Die Kreditzahlungen sind nicht höher als die Mietzahlungen bei Person A und in weiser Voraussicht auch noch nach oben hin gedeckelt.

In diesem Fall scheint wirklich sicher zu sein, dass man das Geld nicht anrühren muss die nächsten Jahre …

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Ich denke, dieses Beispiel illustriert das Problem recht gut. Auch wenn du glaubst, du hast einen langen Anlagehorizont und könntest daher fast dein ganzes Kapital in Aktien anlegen, solltest du das vielleicht nicht tun.

Neben der Liquiditätsreserve, die mindestens zwei bis drei Monatsnettoeinkommen ausmachen sollte, macht es auch Sinn, eine weitere (mittelfristig verfügbare) Reserve in der Hinterhand zu haben.

Dabei muss es sich nicht unbedingt um ein Sparbuchguthaben handeln, das täglich fällig ist. Besser eignen sich hier womöglich kurz- bis mittelfristige Staatsanleihen bester Bonität, die nur wenig im Wert schwanken, aber im Normalfall besser rentieren als täglich fälliges Geld bei der Bank.

Das Ausmaß dieser Reserve hängt zu einem guten Teil von deiner finanziellen Risikofähigkeit ab. Bei Person A sollte dieser Teil daher größer sein als bei Person B (bei sonst gleichen Ausgangsbedingungen in Hinblick auf Ziele, Anlagehorizont, persönliche Risikofähigkeit, etc. –  obwohl Person B auch überlegen sollte, den Kredit zurückzuzahlen und sich dadurch künftige Zinszahlungen zu ersparen)

2. Meine persönliche Risikofähigkeit


Doch die finanzielle Risikofähigkeit ist längst nicht alles.

Betrachten wir dazu noch eine weitere Person C. Bei dieser ist alles exakt so wie bei Person B – und mehr noch: Es existiert noch nicht einmal ein Kredit. Zudem hat man ebenso einen sicheren Job im öffentlichen Sektor, ein Haus ist vorhanden, Kinderwunsch existiert keiner und alles scheint geregelt zu sein.

Jetzt verfügt man auch noch über einen größeren Geldbetrag, den man die nächsten Jahre ganz sicher nicht benötigen wird, da auch eine größere Liquiditätsreserve vorhanden ist und man auch nicht plant, den bisherigen Job aufzugeben.

Dennoch sollte Person C nur einen geringen Teil in Aktien investieren. Der Grund ist ganz einfach der, dass Person C keine Schwankungen verträgt. Würde es in einem Jahr zu einem Verlust von sagen wir mal 20 Prozent kommen, würde er / sie das sofort realisieren und das Weite suchen.

Und wie du sicher weißt: Mit Aktien ist sehr wohl ein Verlust von 20 Prozent möglich. Es gab auch Jahre, wo der Verlust deutlich höher war.

2008 zum Beispiel war das schlechteste Aktienjahr überhaut. Der MSCI World Aktienindex verlor in diesem Jahr sogar über 40 Prozent! Und auch die Jahre 2000 bis 2002 blieben vielen schlecht in Erinnerung. (Doch das schauen wir uns alles noch in einem eigenen Beitrag viel genauer an )

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Aus Erfahrung kann ich dir folgende Tipps geben:

Schau dir längerfristige Charts an

Einerseits von Aktienfonds und ETFs, die in Aktien anlegen. Schau dir dabei jene Phasen an, in denen es abwärts gegangen ist. Würdest du das wirklich aushalten?

Das selbe kannst du auch mit Anleihefonds bzw. entsprechenden ETFs machen und danach mit ausgewogenen Investmentfonds machen(also jene, die in etwa 50/50 in Aktien und Anleihen investieren). Wie schaut es da mit dem maximalen Verlust aus? Würdest du da die Nerven bewahren?

Mach dennoch einen Risikoabschlag

Dieser Rat gilt speziell dann, wenn du in der Vergangenheit noch keine eigenen Erfahrungen am Kapitalmarkt gemacht hast – und daher vor allem noch keine Kursstürze ertragen musstest.

Wenn du der Meinung bist, dass du einen 50-prozentigen Aktienanteil (von den maximal möglichen Verlusten her betrachtet) ertragen würdest, dann beginne trotzdem mit einem geringeren Anteil. Die Wahrscheinlichkeit ist erfahrungsgemäß sehr groß, dass man sich bei der persönlichen Risikofähigkeit maßlos überschätzt.

Was man nämlich nicht bedenkt: In Zeiten von herben Verlusten an der Börse melden sich auch jene Zeitungen und Zeitschriften zu Wort, die sonst nie über Kaptialmarkt und Börse schreiben. Meist prophezeien sie dann den Untergang von Aktien. Das ist zwar völliger Quatsch, aber die Chance ist groß, dass man sich als unerfahrener „Börsianer“ mitreißen lässt und alles wieder verkauft.

Das besonders Bittere daran: Kurze Zeit darauf erholen sich meist die Börsen wieder und man ist nicht mehr dabei. Die Verluste hat man hingegen sehr wohl im vollen Ausmaß mitgemacht.

 

PS:

Hier geht es zum nächsten Teil der Serie:
Welche Renditen haben Aktien und Anleihen bisher gemacht?

 

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