Warum wir keinem Analysten trauen sollten

Ist dir das auch schon mal aufgefallen? Du liest in einer Börsenzeitschrift von bestimmten Aktien oder auch von Aktienindizes und kommst drauf, dass jeder sogenannte Experte eine andere Meinung vertritt. Aber warum ist das so?

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Der eine Analyst rät zum Kauf, während irgendein Fondsmanager ganz negativ dazu eingestellt ist. Manch einer ist ganz euphorisch und wieder ein anderer mahnt uns klar zur Vorsicht.

Doch wem sollst du jetzt als kleiner Anleger glauben? Wer hat denn nun recht?

Die Antwort auf diese Frage ist: Es gibt in der Regel kein weiß oder schwarz – sprich richtig oder falsch. Es können durchaus zwei Börsenexperten, Analysten oder Fondsmanager auf den ersten Blick unterschiedlicher Meinung sein – und trotzdem beide auf ihre individuelle Art recht haben. Auf was es ankommt, ist die jeweilige Sicht auf die Dinge …

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Doch lass mich das anhand eines Beispiels verdeutlichen:

Nehmen wir einmal an, wir befragen zwei Analysten zu ihrer Einschätzung über die künftige Entwicklung des Wechselkurses zwischen Euro und US-Dollar:

Analyst A argumentiert mit dem deutlichen Unterschied des Zinsniveaus in den USA gegenüber dem Euroraum. Zudem ist davon auszugehen, dass sich der Unterschied in den nächsten Monaten noch ausweiten wird. Im Euroraum sind die Zinsen demnach momentan bei Null und es ist damit zu rechnen, dass die EZB erst im nächsten Jahr erste Zinsschritte einläuten wird. Die FED allerdings macht regelmäßig einen Zinsschritt nach oben.

Und dieser Umstand sollte Sparer aus dem Euroraum anlocken, die ihr überschüssiges Geld in US-Dollar statt in Euro anlegen – in der Hoffnung trotz Wechselkursrisiko am Ende mit einer höheren Rendite wieder auszusteigen.

Demnach ist Analyst A der Meinung, dass der Dollar im Verhältnis zum Euro ansteigen wird, da er aufgrund der vielen Anleger mit einer höheren Nachfrage nach US-Dollar rechnet.

Analyst B hingegen geht auf den Zinsunterschied überhaupt nicht ein in seiner Analyse. Vielmehr argumentiert er mit dem hohen Leistungsbilanzdefizit des US-Haushalts. Im Unterschied zum Beispiel zu Deutschland haben die USA einen deutlichen Importüberschuss – sie kaufen demnach mehr Waren im Ausland als sie umgekehrt ins Ausland verkaufen. Daher werden also eher US-Dollar verkauft als nachgefragt.

Er rechnet somit also eher mit einer Abwertung des US-Dollar gegenüber dem Euro, da die europäischen Staaten eine bessere Leistungsbilanz aufweisen als die USA.

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Jetzt sind wir also so klug wie vorher: Der eine Analyst meint, dass der Dollar aufwertet zum Euro, der andere prognostiziert das Gegenteil …

Und siehe da: Drei Jahre später treffen sich die Analysten und behaupten beide, dass sie mit ihrer Einschätzung damals richtig lagen (Jetzt mal angenommen, ich weiß ja natürlich nicht, wie sich der Wechselkurs in Zukunft entwickeln wird.):

Analyst A freut sich, dass er recht hatte, weil der Dollar in den sechs Monaten darauf kräftig aufwertete, da wirklich viele Investoren aus Europa ihr Kapital in die USA geschleust und dort kräftig Staatsanleihen gekauft haben.

Analyst B freut sich, dass er recht hatte, weil der Dollar nach gut einem halben Jahr in die von ihm prognostizierte Richtung abgedriftet ist und deutlich an Wert gegenüber dem Euro verloren hat. Grund dafür war das große Leistungsbilanzdefizit verbunden mit einer veritablen Rezession in den USA, die erst jetzt – 3 Jahre später – wieder etwas abklingt.

Also es stimmt wirklich: Beide Analysten hatten recht.

Sie sind nur beide von einem unterschiedlichen Parameter ausgegangen – nämlich um genau zu sein von einem unterschiedlichen Zeithorizont. Analyst A hat die kurzfristige Entwicklung des US-Dollars prognostiziert. Wohingegen Analyst B eher die mittel- bis langfristige Entwicklung im Auge hatte.

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Ein anderes Beispiel:

Bei einem Vortrag zum Thema Geldanlage treten nacheinander zwei Fondsmanager auf. Beide von ihnen prognostizieren die Entwicklung im nächsten Jahr – und gehen somit diesmal vom exakt selben Zeithorizont aus. Diesmal sollten sie also einer Meinung sein, falls sie am Ende recht behalten sollten – oder doch nicht?

Fondsmanager A meint, dass aufgrund der jüngsten Spreadausweitung bei Hochzinsanleihen dieselbigen in Zukunft sehr attraktiv sein sollten für Anleger. Er setze also in Zukunft verstärkt auf dieses Anleihesegment und erwarte sich dadurch eine höhere Rendite für seinen Investmentfonds.

Fondsmanager B hingegen ist gar nicht gut zu sprechen was Hochzinsanleihen betrifft, da hier die langjährige durchschnittliche Ausfallrate in etwa so hoch ist wie der Renditespread. Es zahle sich also für ihn genauso wenig aus in Hochzinsanleihen zu investieren wie in Staatsanleihen. Der gesamte Anleihebereich sei aufgrund der niedrigen Renditen momentan uninteressant für Anleger.

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Siehe da: Die beiden Fondsmanager treffen sich nach einem Jahr wieder und verkünden beide, dass sie recht hatten mit ihrer Prognose. Und es stimmt auch jetzt wieder: Aus ihrer individuellen Sicht der Dinge heraus lagen sie beide vollkommen richtig mit ihrer Einschätzung (auch das ist natürlich wieder eine Spekulation von mir – wie es in einem Jahr sein wird, kann niemand wissen):

Fondsmanager A freut sich, weil er eine – wenn auch sehr geringe – Rendite von knapp einem Prozent auf Jahressicht erzielen konnte. Sein Vergleichsindex, der vor allem aus Staatsanleihen der Euroländer besteht, machte im selben Zeitraum hingegen ein Minus von etwa drei Prozent.

Fondsmanager B freut sich, dass er statt in Hochzinsanleihen lieber in Aktien investiert hat, da diese auf Jahressicht über 10 Prozent an Rendite eingebracht haben.

Also stimmt es auch jetzt wieder: Beide Fondsmanager hatten recht.

Sie sind nur ebenfalls wieder von einem unterschiedlichen Parameter ausgegangen. Diesmal ging es um die Veranlagungsphilosophie der jeweiligen Fonds. Fondsmanager A managt einen Rentenfonds, dem es freisteht, neben Staatsanleihen auch in Unternehmensanleihen und Hochzinsanleihen zu investieren. Fondsmanager B hingegen managt einen dynamischen Mischfonds, der stark in Aktien investieren kann, wenn er die Marktlage als günstig hierfür einschätzt.

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Noch ein letztes Beispiel:

Diesmal geben zwei Analysten eine Prognose ab für eine bestimmte Aktie:

Analyst C stuft die Aktie auf „Halten“ – also neutral – ein. Man könnte also auf den ersten Blick davon ausgehen, dass er sich nicht so sicher ist, wo es in Zukunft mit der Aktie hingehen wird.

Analyst D allerdings hat eine klare Meinung zur Aktie und stuft sie auf „Verkaufen“ ein. Er hält sie demnach für überbewertet und ist der Meinung, dass der Kurs in Zukunft fallen wird.

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Und wie es der Zufall so will: Wieder hatten beide recht mit ihrer Einschätzung:

Analyst C arbeitet für eine Bank, bei der das Aktienunternehmen, das er eigentlich objektiv bewerten hätte sollen, ein wichtiger und großer Kunde ist. Der Analyst ist zwar eigentlich der Meinung, dass man bei der aktuellen Bewertung lieber die Finger von der Aktie lassen sollte. Doch irgendwie fürchtet er Konsequenzen von seinem Arbeitgeber, wenn er die Aktie auf „Verkaufen“ einstuft.

Deshalb begnügt er sich mit einem Kompromiss und stuft sie zumindest auf „Halten“ ein und nicht als „Kauf“. Aufgrund seiner starken Abhängigkeit zum Arbeitgeber kommt diese Einschätzung demnach einer versteckten Verkaufsempfehlung gleich.

Analyst D hingegen ist komplett unparteiisch und hat keinerlei Bezug zu dem Unternehmen, dessen Aktie er hier bewerten muss. Auch er hat erkannt, dass die Aktie bereits viel zu teuer ist und stuft sie daher auf „Verkaufen“ ein.

Und wir sehen: Auch diesmal hatten beiden Analysten recht mit ihrer Einschätzung – nur leider konnte einer der beiden seine Meinung nicht wirklich kundtun.

 

Und die Moral von der Geschichte: Vertrau niemals blindlings der Einschätzung eines Analysten oder sonstigen Börsenexperten, bevor du nicht die genauen Hintergründe dieser Einschätzung kennst!

 

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